9 Monate

9monate2

Gestern, am 26.2. waren es neun Monate.
Solange dauert es ein Kind gut auszutragen. Ich hab mir damals ein paar Tage länger Zeit gelassen. Winzig war ich dennoch. Egal, weil wachsen kann man ja auch später.

Neun Monate sind vergangen, seit diesem Tag im Mai, Christi Himmelfahrt, und der Tag war noch sehr jung. Kurz nach Mitternacht hat der Monitor diese grauenvolle gerade grüne Linie gezeigt und damit das bestätigt, was ich schon vorher gespürt habe … das sie nun gegangen ist, fort, ganz weg und für immer. „Erlöst„, sagt man so schön.

Neun Tage hat dieser Weg gedauert, von dem Moment an, wo sie in ihrem geliebten Garten zusammengebrochen ist. Eine Hirnblutung, die „böse“ Schwester des Schlaganfalls, wie man uns im Spital erklärte. Zwischen hektischen MRs, CTs und allerlei anderen Untersuchungen, während der sie mit einem bemüht tapferen Lächeln versucht hat, den Ernst der Lage für uns leichter zu machen. Wohl wissend, was das alles bedeutet.

Kümmer´ dich um die Hühner!“ kam in gestammelten und kaum verständlichen Worten von ihr, kurz bevor sie der Pfleger in den Aufzug schob, am Weg zur Stroke-Unit. Der Arzt und ich mussten zu Fuß gehen, schnell, die Stiegen hinauf. Fünf Minuten, um zwei Stockwerke zu überwinden. Fünf Minuten, in denen er mir erklärte, was passiert war, wie die Chancen stehen und was zu erwarten sei. Fünf Minuten, bevor ich vor meiner Familie stand, die oben wartete und der ich nun das erklären musste, was mir der Arzt eben gesagt hatte.
Fünf Stunden hätten nicht dafür gereicht, auch keine fünf Monate wären lang genug gewesen, um einen darauf vorzubereiten.

Der letzte Satz, den sie ohne Gestammel, mit klaren Worten zu mir sagen konnte, war: „Ich hab dich auch lieb!
Das war, als die Sanitäter sie mir aus den Armen nahmen, um sie auf die Liege zu legen. Die ganze Zeit bis zum Eintreffen des Notarztes habe ich sie so gehalten, sie gestützt, damit sie nicht verdreht liegen musste und es nicht so kalt hatte. Während mein Sohn rasch und professionell die Anweisungen der Rettungszentrale via Handy befolgte und diese Fragen stellte, die man schon x-mal in den Netzwerken gelesen hatte: „Woran man erkennt, ob jemand einen Schlaganfall hat„.
X-Mal gelesen, aber dennoch merkt man sich das nicht und im Anlassfall löscht der Schock den Rest an Erinnerung.

Ich hab sie in meinen Armen gehalten, wissend, dass das kein gutes Ende nehmen wird, aber dennoch in einem fort versucht sie und alle rundum zu beruhigen: Alles wird gut, wir schaffen das, du schaffst das. 

Was für eine Lüge.

Mama, ich hab dich lieb!„, mein Schrei, als man sie aus meinen Armen nahm und auf die Trage legte. Kein beruhigender Satz, aber er kam aus tiefstem Herzen und musste raus. Ihre Antwort höre ich heute noch und wenn ich die Augen schließe sehe ich ihr Gesicht, so wie ich es zuletzt gesehen habe. Gezeichnet, müde und erschöpft, aber friedlich, vielleicht weil dieser neuntägige Todeskampf nun endlich vorbei war.

Ach, Mama.

Wie oft hab ich das in den letzen neun Monaten gedacht? Ich weiß es nicht mehr, er kommt und geht, dieser Gedanke. Manchmal laut ausgesprochen und mit einem Kopfschütteln, beim Lösen des gordischen Knotens, den ihr plötzlicher Tod uns hinterlassen hat. Manchmal nur in Gedanken geflüstert, am Abend, wenn die dunkle Luft der Trauer die Tür öffnet. Manchmal mit einem Lächeln, bei der Erinnerung an bestimmte Begebenheiten.

Neun Monate mögen reichen um eine Menschenkind zu produzieren. Aber sie sind nicht genug, wenn es darum geht, dass dieses Menschenkind mit seiner Trauer fertig wird, die der Weggang der Mutter ausgelöst hatte.

Ich nähe mir bunte Kleider, weil schwarz ertrage ich nicht. Das edle, totenschwarze Designerkleid, nur für die Beerdigung erstanden, hängt wie ein Statement im Kasten und jedes Mal, wenn ich es sehe, würgt es mich im Hals. Ob das die Tränen sind, die noch immer nicht alle geweint wurden?

Amazing Grace wolle ich ihr bei der Beerdigung singen und hab Minuten vorher entschieden, es zu lassen. Einfach weil ich keinen Ton hervorgebracht hätte. Professionelle Stimmbildung hin oder her, ich war stumm und das Entgegennehmen der Kondolenzwünsche hatte die letzten Worte verbraucht.
Vielleicht sind es die Noten, die mich würgen, die endlich raus wollen?

9monate5Drei Tage nach ihrem Tod, beim Anzugkauf für meinen, von der Trauer völlig geschockten Vater, hab ich mir ein „Trauerband“ erstanden. Früher trug man so breite, schwarze Streifen am Arm, um zu zeigen, dass man einen „Verlust zu verkraften“ hatte. Eine Notlösung, denn für eine komplett schwarze Kleidung reichte bei den meisten das Geld nicht aus.

Heute trauert man nicht mehr so lange und auch nicht so intensiv. Sagt man. Die schwarzen Kleider und die schwarzen Bänder als Ersatz sind aus der Mode gekommen. Offensichtliche Trauer auch, denn wer zu lang mit Leidensbittermiene rumläuft, bekommt mitunter den, natürlich nur gut gemeinten, Rat, sich doch mal psychologische Hilfe zu holen. Eventuell ein paar Tablettchen einwerfen, dann ginge das schon besser.
Ich hatte Glück, mir hat das keiner angeboten und ich denke, die, die es erwägt haben, wussten, dass sie sich damit eine deftige Antwort einhandeln würden.
Neun Monate braucht ein Mensch zum Werden, zwölf Monate brauchts, um ihn zu verabschieden. Sagt man. Ich glaube, dass ein Leben nicht ausreicht. Es wird leichter, aber ganz weg geht der Schmerz nie.

Mein Trauerband ist dünn, kaum mehr als eine Schnur, mit einem kleinen, silbernen Anhänger dran. Für Außenstehende ist es das Peace-Zeichen der Hippie-Generation. Für Wissende ein altes Runensymbol, das – je nachdem in welche Richtung gedreht – für den Tod oder das Leben steht.

Ich trag es ein Jahr, so hab ich es mir vorgenommen, und so klein und zart es auch ist, es gibt Tage, da wird die Hand elend schwer und das Band spürt sich wie eine bleierne Fessel an. Tag und Nacht trag ichs, nicht um nicht zu vergessen. Dafür brauch ich kein Symbol, kein Bild, kein Zeichen. Ich trag es als Verbindung, zum Gedenken, als Mahnung an mich und andere, zur Hoffnung und aus Gründen, die ich nicht benennen kann, weil mir die Worte fehlen, aber das Gefühl sagt: es passt.

Was ich nach diesem Jahr damit mache, weiß ich noch nicht, es wird sich finden. Aber was ich jetzt schon weiß: die Trauer ist damit nicht beendet. Mag sein, dass ich mich, wie viele andere, dann schon durch diese ominösen, psychologisch exakt definierte Hauptphasen der Trauer durchgearbeitet habe. Aber fertig bin ich auch nach 365 Tagen nicht mit dem Trauern. Oder mit den Tränen. Oder mit den „Ach, Mama“-Seufzern.

Neun Monate ist es nun her und es gibt noch immer Tage, da wache ich auf und denke, es war alles nur ein schlechter Traum. Und es gibt Situationen wo ich impulsiv zum Handy greife, um sie anzurufen, weil ich ihr etwas Wichtiges mitteilen will, muss … und mitten in der Bewegung inne halte, weil mich die Erinnerung mit ihrer Keule schlägt und ich stumm und starr im Hier und Jetzt lande, mit meinem dummen, kleinen Trauerband an der Hand, den bunten Kleider, die mir dann viel zu laut nach falscher Fröhlichkeit schreien, und diesem Würgen im Hals, von dem ich nicht weiß, wie ich es je loswerden kann.

Die Welt hat sich kommentarlos weiter gedreht, andere Katastrophen produziert, die mehr Menschen unglücklich gemacht haben. Schöne Dinge sind geschehen, lustige Dinge, dumme Dinge … viele Dinge.
Aus dem Fluss des Lebens wurde ein Stein genommen, aber das Wasser fließt weiter. In einem etwas anderen Muster, mit einem ganz leicht anderen Klang, aber ohne Anhalten, fließt es immer weiter. Ich kann es nicht anhalten, nur stumm daneben stehen und hoffen, dass die vielen Tropfen und meine Tränen den Schmerz irgendwann lindern.

Mama, du fehlst mir so.

Nach neun Monaten noch genauso, wie nach neun Minuten und wie in neun oder neunzig Jahren.
Mama, ich hab dich lieb.

9monate7

Dieser Blogbeitrag entstand als Beitrag zur InitiativeAlle reden über Trauer – EIN TAG, VIELE BLOGGER, VIELE VERSCHIEDENE FACETTEN VON TRAUER“ via „In lauter Trauer

Mein herzlicher Dank geht an Silke, für diese wunderbare Idee und die Inspiration, an meine Familie, mit der ich die letzten 9 Monate gemeinsam getrauert habe und es noch weiter werde, und an meine Mutter, die nach wie vor DA ist, in meinem Herzen, mich tröstet und begleitet. Danke.

Michaela Schara

Hallo! Ich bin Michaela Schara, Bloggerin & Web-Nomadin, Natur & Kraftplatz Begeisterte, Mutter & Mensch. Ich schreibe über vieles, zeichne skurille Cartoons, fotografiere was mir spannend erscheint, lebe mit Morbus Crohn und versuche mein Leben mit Sinn und Freud´ zu füllen. Manchmal gelingt mir das sogar ;-)

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.