Bunker – Sommerblüten – bittersüß

„Raus, nichts wie raus hier! Ich ersticke noch in diesem Bunker!“ Ein Schrei, wütend und leicht hysterisch – aber nicht laut, nein, vollkommen tonlos, unausgesprochen, nur gedacht und in Gedanken … in sehr leisen Gedanken.

Denn schließlich weiß man ja, was sich gehört. Man rennt nicht einfach so raus aus einem Meeting, man brüllt seinen Chef nicht hysterisch an oder vergleicht den hellen, vollklimatisierten, ultramodernen Meetingraum mit einem Bunker.

Man atmet tief ein und aus, lächelt professionell und unterdrückt jeden Gedanken an Flucht, Sinn, Logik und Konsequenz dieses 08/15-Monday-Morning-Meetings, das genauso inhaltslos wie alle anderen davor verläuft. Eine Folter, mit der man die Zeit seiner Mitarbeiter tot schlägt, während draußen, im echten Leben die Sommerblumen blühen.

Idioten, lauter hirnamputierte Fachtrottel, die außer blasphemischem Bullshit nur machoiden Scheiß labbern und wirklich glauben, damit cool zu sein und ihre Position zu festigen,“ schrie sie in Gedanken.
Zeit, das zu beenden,“ dachte sie müde und erinnerte sich bittersüß, wie sehnsuchtsvoll sie sich früher gewünscht hatte, bei diesen Meetings dabei zu sein, damals, als sie nur den Kaffee servieren durfte und sofort wieder zu verschwinden hatte.

„Ich danke euch allen für die wieder einmal sehr konstruktiven Beiträge, die eine beschauliche Bandbreite an Lösungsoptionen darstellen, welche wir dann nächste Woche im Meeting weiterdiskutieren werden.“

Die gequälten Blicke ignorierend marschierte sie mit graziösen Schritten als erste durch die Tür.
Im Wissen, dass sie alle dasselbe im Hinblick auf den Nutzen des allmontäglichen Gelabbers dachten, genoss sie dennoch ein klein wenig das Gefühl, das die anderen ein bisschen mehr als sie darunter zu leiden hatten – schließlich war sie die Leiterin der Meetings und der Rest der Manschaft nur Pfeifen.

Diese Etüde entstand auf Basis dieser Einladung: Schreibeinladung für die Textwoche 24.17 | Wortspende von wortgeflumselkritzelkram.

Eine Etüde ist ein Übungs-, Vortrags-, Konzertstück, das spezielle Schwierigkeiten enthält. In diesem Fall geht es darum, mit 10 Sätzen eine Kurzgeschichte zu schreiben, die die drei vorgegebenen Wörter enthält. Weitere Schreibeinladungs-Etüden findet ihr hier.

Nachtrag: Mit Schrecken hab ich festgestellt, dass ich 11 (ELF!!!) statt 10 Sätze geschrieben habe. Das geht nicht … schwitz … aber da ich mich nicht entscheiden kann, welchen ich nun streichen soll, überlass ich es dem*der geschätzten Leser*in, einen Satz auszulassen. Also bitte: nur 10 Sätze lesen! Danke.

Michaela Schara

Hallo! Ich bin Michaela Schara, Bloggerin & Web-Nomadin, Natur & Kraftplatz Begeisterte, Mutter & Mensch. Ich schreibe über vieles, zeichne skurille Cartoons, fotografiere was mir spannend erscheint, lebe mit Morbus Crohn und versuche mein Leben mit Sinn und Freud´ zu füllen. Manchmal gelingt mir das sogar ;-)

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Jupp, das ist auch eine schicke Verwendung des Begriffs Bunker, prima. Seeeehr nachvollziehbar, deine Etüde.
    (Beim nächsten Mal wieder nur 10 Sätze, ja? Ich weiß, ich weiß, ich fluche auch immer, aber die Reduktion ist halt die Kunst.)
    Liebe Grüße
    Christiane

    Antworten

    • Ach herrje! Ich hab x mal gezählt, aber hatte offenbar Nebel im Hirn und Paradeiser auf den Augen – sorry! Wird nicht mehr vorkommen, werde mich bessern und beim nächsten Mal einen Satz einsparen 🙂
      Danke für die Augenöffnung!

      Antworten

  2. Hahahaha….wie gut…Schön, die Leitung über so ein Meeting zu haben – da kann man seine Unlust wenigstens an den „Pfeifen“ auslassen.

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.